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Die ersten Erfahrungen aus dem Neun-Euro-Ticket führen im Gremium zu unterschiedlichen Bewertungen

Der Landkreis Karlsruhe stellt seinen ersten Antrag auf Erstattung und sieht die Wirkung weiter kritisch anstatt nachhaltig

Mit dem Neun-Euro-Ticket sollen gleich zwei Ziele erreicht werden: Die finanzielle Entlastung der Bürgerinnen und Bürger und die Förderung des Öffentlichen Personennahverkehrs. Eine erste Zwischenbilanz für den Landkreis Karlsruhe wurde am Donnerstag, 30. Juni, in der Sitzung des Verwaltungsausschusses gezogen, die im Lichthof der Badischen Versicherungen in Karlsruhe stattfand. Während die Landkreisverwaltung das Ticket auch nach den ersten Erfahrungen weiter kritisch sieht, herrscht im Gremium Uneinigkeit: Das Echo reichte von Zweifeln daran, ob nachhaltige positive Effekte auf die Nutzung erzielt werden, bis hin zu optimistischen Stimmen, die das Ticket als erfolgreiches Instrument zum Einstieg in den ÖPNV sehen.

Die Bundesregierung beschloss im März ein Entlastungspaket, das unter anderem für die Dauer von 90 Tagen ein bundesweites ÖPNV-Ticket zum Preis von neun Euro monatlich beinhaltet. Gültig ist dies seit Juni im Nahverkehr. Der vergünstigte Preis führte teilweise zu einem extremen Anstieg der Fahrgäste und somit zu überfüllten Zügen und Bahnsteigen. Daher hat der Landkreis Karlsruhe nach Abstimmung mit der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft mbH (AVG) die Schienenverkehre auf der S1/S11 und der S4 ab Mitte Juni insbesondere an den Wochenenden vorsorglich verdichtet. Hintergrund waren Sicherheitsbedenken. Auch das Land Baden-Württemberg hat die von der AVG erbrachten Schienenverkehrsleistungen teilweise verstärken lassen. Bei den Busverkehren war dies nicht notwendig. Im Juni wurde zwar auch hier eine intensivere Nutzung wahrgenommen, Handlungsbedarf gab es jedoch keinen.

„Für die Erkenntnis, dass bei günstigen Ticketpreisen mehr Menschen den ÖPNV nutzen, hätten wir das Neun-Euro-Ticket nicht gebraucht“, kritisiert Landrat Dr. Christoph Schnaudigel. Trotz der temporären finanziellen Entlastung der Fahrgäste geht er anders als manche Stimmen aus dem Gremium nicht davon aus, dass die Aktion den ÖPNV nachhaltig stärken kann. Vorteile hätte sie vielmehr in Investitionen in den Ausbau des ÖPNV sowie in dauerhaft günstige Tarife gesehen. „Das Geld für das Ticket hätten wir sinnvoller einsetzen können. Drei Monate reichen nicht aus, um langfristige Effekte im Mobilitätsverhalten zu bewirken“, sagt Landrat Dr. Christoph Schnaudigel.

Die Erfahrungen aus dem Neun-Euro-Ticket werde die Verwaltung aber nutzen und beispielsweise prüfen, ob Linien, die nun verstärkt und besonders gut angenommen wurden, dauerhaft ins Angebot übergehen können. „Wir stimmen darüber überein, dass der ÖPNV günstig sein muss, um auch attraktiv zu sein“, ergänzt Landrat Dr. Christoph Schnaudigel. Daher habe man unter anderem dem landesweiten Jugendticket zugestimmt, dass im Herbst an den Start gehen wird.

Mit dem Neun-Euro-Ticket werden Bürgerinnen und Bürger finanziell entlasten, bei den Verkehrsunternehmen führen die geringeren Einnahmen durch die Tickets aber zu einem Defizit. Dieses soll schnellstmöglich über den ÖPNV-Rettungsschirm von Bund und Land aufgefangen werden. Der Landkreis Karlsruhe hat als Aufgabenträger eines Verkehrsverbundes bereits einen ersten Antrag auf Erstattung gestellt.

Derzeit ist nicht bekannt, ob die vom Bund zur Verfügung gestellten 2,5 Milliarden Euro ausreichen, um die Fahrgeldverluste auszugleichen. Wenn nicht, fällt das Defizit auf das Land oder die kommunalen Aufgabenträger zurück. Allein die zusätzlichen Schienenverkehre bei der AVG, um dem größeren Andrang gerecht zu werden, kosten den Landkreis rund 130.000 Euro.

01.07.2022